Was versteht man unter dem Begriff Non-Legal Outsourcing? Was vor wenigen Monaten noch wie ein Fremdwort daherkam, hat es inzwischen sogar zu einem Gesetzesvorhaben gebracht. Aber eins nach dem anderen.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Non-Legal Outsourcing

Traditionell ist das anwaltliche Berufsrecht sehr eng reguliert. Man versteht den Anwalt als ein Organ der Rechtspflege. Das bedeutet, dass er nicht jegliche (z.B. illegale) Interessen seiner Mandanten vertritt, sondern durch seine Tätigkeit vorrangig Recht und Gesetz dient. Damit diese Ausrichtung der anwaltlichen Tätigkeit möglichst wenige Störungen erfährt, sollen sich Anwälte nicht mit anderen Berufen in einer Gesellschaft verbinden. Eine Ausnahme gilt nur für Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Diese strikte Regelung hat das Bundesverfassungsgericht Anfang 2016 gelockert (Beschluss v. 12. Januar 2016, Az. 1 BvL 6/13, Volltext). Danach ist nun beispielsweise eine berufliche Zusammenarbeit von Anwälten und Ärzten im Einzelfall möglich. Problematisch sind aber weiterhin Zuarbeiten von Angehörigen anderer Berufe (non-legals), die in die Mandatsarbeit eingebunden werden (outsourcing).

Standardfall EDV-Betreuung

Der Standardfall des Non-Legal Outsourcing: EDV-Dienstleister erhalten durch die Betreuung von Anwaltsservern Zugriff auf sensible Mandatsgeheimnisse, obwohl sie keine Juristen sind. Es gab zur bisherigen Rechtslage einige Stimmen, die dies als Verstoß gegen die anwaltliche Verschwiegenheit werteten. Die Konsequenzen sind drastisch: Ein Anwalt würde sich dann durch Non-Legal Outsourcing wegen der Verletzung von Privatgeheimnissen nach § 203 StGB strafbar machen. Das sucht nun ein aktueller Gesetzesentwurf des Bundesjustizministeriums zu verhindern.

Non-Legal Outsourcing: Aktueller Gesetzentwurf

Das Gesetz zur Neuregelung des Schutzes von Geheimnissen bei der Mitwirkung Dritter an der Berufsausübung schweigepflichtiger Personen soll das Non-Legal Outsourcing nun auf eine wasserdichte rechtliche Grundlage stellen. Der (überarbeitete) Regierungsentwurf (BT-Drucksache 18/11936, pdf) fand in einer Sachverständigenanhörung im Rechtsausschuss des Bundestages im Mai 2017 überwiegend Zustimmung (Stellungnahmen der Sachverständigen). Auch wenn das Ende der Legislaturperiode bereits naht, erscheint es insofern nicht unwahrscheinlich, dass das Gesetz noch vor der Bundestagswahl 2017 verabschiedet wird. Für Rechtsanwälte, die elektronisch arbeiten wollen, wäre damit ein entscheidender Zugewinn an Rechtssicherheit gewonnen.

Nachdem die Passauer Anwaltskanzlei RATIS im April 2017 ihren Legal Chatbot vorgestellt hat, kommt eine lebhafte Diskussion in Gang. Was ist eigentlich ein Legal Chatbot? Ist so etwas überhaupt zulässig? Was spricht dafür und was dagegen?

Was ist ein Chatbot?

Ein Chatbot ist ein Online-Interaktionstool, auf dessen Oberfläche Anwender mit einem Computer chatten können. Je feinfühliger der Computer programmiert ist, desto menschenähnlicher kann er im Chat interagieren. Während vor einigen Jahren die Möglichkeit eines Chat mit Gott für Aufsehen sorgte, werden Chatbots heute vielfach von Dienstleistern als niederschwelliges Beratungsangebot formuliert und als Akquisekanal genutzt. Das ist weniger kompliziert, als man zunächst denkt. Denn hinter Chatbots steht keine künstliche Intelligenz, sondern Frage-Antwort-Relationen zu einem mehr oder minder abgesteckten Themenbereich. Je mehr es der Computer ist, der Fragen stellt, und je eingrenzbarer die zu erwartenden Antworten, desto weniger komplex gestaltet sich die Programmierung. Im einfachsten Fall ist ein Chatbot schlicht die galante Sprachfassung eines strukturierten Such- oder Buchungsprogramms, wie sie aus der Online-Reisebuchung oder von der McDonalds Bestellsäule seit langem bekannt sind.

Was ist ein Legal Chatbot?

Handelt es sich bei dem Chatbot um einen Legal Chatbot, so bewegt sich der Chatbot im Bereich von Rechtsdienstleistungen. Man könnte auch sagen: Da hat ein Anwalt in einem bestimmten Rechtsgebiet festgestellt, dass er in der Erstberatung immer wieder dieselben Fragen stellt und immer wieder dieselben Antworten bekommt. Dieses Wissen hat er in ein Chatprogramm übersetzt und lässt nunmehr den Computer die Fragen stellen. Sammelt der Bot nicht nur Fragen ein, sondern formuliert er auch (vorläufige) Antworten, so kommt der Chatbot in die Nähe einer Rechtsdienstleistung nach § 2 Abs. 1 RDG. Wer unter welchen Umständen Rechtsberatung erteilen darf, ist allerdings eng reguliert. Deswegen verwundert es nicht, dass die Ankündigung der ersten Legal Chatbots in Deutschland für einige Aufregung sorgt.

Pro und Contra Legal Chatbots

Die Diskussion um Legal Chatbots kommt zur rechten Zeit: Pünktlich zum Anwaltstag 2017 hat eine Passauer Kanzlei ihren Anwalts-Chatbot vorgestellt. Das zugehörige youtube-Video demonstriert, wie das funktioniert. Nachdem auch das Fachmagazin Legal Tribune Online darüber berichtet hat, lassen skeptische Stimmen nicht auf sich warten. So kritisiert etwa eine Frankfurter Rechtsanwältin, dass der Chatbot den Facebook Messenger als Kommunikationskanal nutze. Dies begegne erheblichen Datenschutzbedenken, denn der Umgang von Facebook mit sensiblen Mandantendaten sei nicht zu kontrollieren. Wer als Rechtsuchender die Hilfe eines Anwalts in Anspruch nehme, müsse sich auf echte Vertraulichkeit verlassen können.

Sitzt künftig ein Roboter in der Kanzlei?

Wird das Rechtsdienstleistungsrecht den Legal Chatbots also über kurz oder lang den Garaus machen? Wohl kaum. Viel wahrscheinlicher ist es, dass sich noch im Laufe des Jahres Nachahmer im Markt einfinden, die womöglich auch einen besseren Datenschutz bieten. Die unter Juristen umstrittene Frage, ob die Tätigkeit von Online-Rechtsgeneratoren eine Rechtsdienstleistung darstellt, wird damit weiter steigende Aufmerksamkeit erfahren. Gleichzeitig müssen sich Mandanten keine Sorgen machen, dass zukünftig ein Roboter an Anwalts Schreibtisch Platz nimmt. Denn so lange künstliche juristische Intelligenz noch weit entfernt ist, werden Roboter einen Fall immer nur vorläufig erfassen und prüfen können. Sie werden Anwälten die Arbeit erleichtern, sie aber nicht ersetzen.

Smartlaw ist ein Unternehmen, das Vertragslösungen sowie hilfreiche Tipps für verschiedenste Themenbereiche anbietet. Der Kunde wird mithilfe eines intuitiv gestalteten Frage-Antwort-Dialogs bis zu dem individuell erstellten fertigen Vertrag begleitet. Die Abrechnung erfolgt mittels eines Abos welches monatlich kündbar ist.

Smartlaw wurde 2012 gegründet und sieht sich selbst bisher als rechtssicherste Alternative zu herkömmlichen Online-Lösungen. 2014 wurde das Unternehmen von dem Wissens- und Informationsdienstleister Wolters Kluwer aufgekauft. Dabei spielten das Know-how eines Traditionsunternehmens und die Flexibilität eines Start-Ups eine wichtige Rolle. Smartlaw hat Standorte in Berlin, Köln und Mannheim und zählt aktuell 24 Mitarbeiter.

 

Maschinell und doch individuell?

Smartlaw bietet umfangreiche Dienstleistungen im Bereich Rechtshilfe an. Das Unternehmen gehört inzwischen zum Informationsdienstleister Wolters Kluwer. Mithilfe von intelligenten Frage-Antwort-Dialogen können hochwertige Rechtsdokumente in kurzer Zeit individuell zugeschnitten selbst erstellt werden. Die Dokumente werden von erfahrenen Anwälten konzipiert und entsprechen dem aktuellen Stand der Rechtsprechung. Zusätzlich werden auch sogenannte Rechtstipps angeboten, die einen Überblick zu allen rechtlich relevanten Themengebieten gibt. Bei Änderungen in der Rechtsprechung werden Kunden automatisch mithilfe eines „Radars“ gewarnt. Als weitere Funktion steht ein sogenannter „Vertrags-Safe“ zur Verfügung, der Dokumente sicher verwahrt. Dies wird durch einen Vertragsmanager und durch Anwaltsempfehlungen unterstützt. Die Themenbereiche lassen sich grob in die folgenden Unterpunkte gliedern.

Familie und Privates

Hier finden sich beispielweise Verträge zum Reiserecht. Es werden also insbesondere Verspätungen, Umbuchungen aber auch Reisemängel etc. behandelt. Weiterhin besteht die Möglichkeit seinen Nachlass zu regeln. Es finden sich Verträge zu Erbfolgeprüfung, Testamentsvorlagen und Scheidungs- bzw. Trennungsunterlagen. Es besteht außerdem die Möglichkeit Vorsorgedokumente wie z.B. eine Patientenverfügung, eine Betreuungsverfügung oder eine Vorsorgevollmacht individuell zu erstellen.

Vermieten und Immobilien

Auch im Bereich Vermieten und Immobilien können beispielsweise maßgeschneiderte Mietverträge oder Vermieterbescheinigungen erstellt werden. Mit dem sogenannten Mietvertragsfinder kann herausgefunden werden, welcher Mietvertrag der Beste für die vorliegende Situation ist.

Business und Unternehmen

Auch der Bereich Business und Unternehmen nimmt einen großen Stellenwert im Repertoire von Smartlaw ein. Hier können Arbeitsverträge oder Verträge zu dem Thema Gründen und Unternehmen mithilfe des intuitiven Frage-Antwort-Dialogs erstellt werden. Auch die Gebiete Beschäftigung und Arbeitsplatz, sowie Verträge für Kündigungen, Zeugnisse und mehr können erstellt werden. Smartlaw unterstützt auch bei dem Weg in die Selbstständigkeit indem es Hilfestellungen zur Rechtsform, sowie Anleitungen und Dokumente für einen erfolgreichen Start bietet.

Smartlaw-Abo: die volle Bandbreite von Verträgen

Um die Dienste nutzen zu können, muss ein sogenanntes Smartlaw-Abo Business und Unternehmen abgeschlossen werden. Dies bietet die volle Bandbreite der oben aufgezählten Vorteile. Für Gründer und junge Unternehmer wird ein vergünstigter Tarif angeboten, der bis auf wenige Ausnahmen alle relevanten Themengebiete abdeckt. Das Abo kann in den ersten 14 Tagen kostenlos getestet werden und ist danach monatlich kündbar. Zusätzlich stehen auch noch Abonnements für verschiedene einzelne Themenbereiche zur Verfügung (z.B. Familie und Privates).

Erfolg & Kritik

Smartlaw wurde 2013 ins Leben gerufen und wurde wenig später von Wolters Kluwer aufgekauft, was für eine erfolgreiche Geschäftsidee spricht. Grundsätzlich werden die geschlossenen Verträge in verschiedenen Tests als solide und ohne gravierende Mängel beschrieben. Es gibt jedoch immer wieder kleinere Rechtsmängel in den Verträgen die im späteren Verlauf zu Problemen führen können. Dennoch spricht die hohe Geschwindigkeit und die niedrigen Kosten für die Smartlaw-Lösung.

Weiterhin wird kritisiert, dass der Vertrag nicht in allen Punkten individualisierbar ist. Was als Vor- aber auch als Nachteil angesehen werden kann, ist der Fakt, dass die Gestaltungsmöglichkeiten oft nicht bis ins Letzte ausgereizt werden.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass vertragliche Komponenten nicht ausreichend erklärt und einfach vorausgesetzt werden. Dies trägt nicht zum Verständnis des Nutzers bei. Gerade bei komplexeren Verträgen wird meist keine optimale Vertragsstruktur geschaffen, hier könnte der Gang zum versierten Anwalt deutlich bessere Ergebnisse erzielen.

Auch die Haftung für Fehler darf nicht außer Betracht gelassen werden. Das Portal übernimmt keinerlei Haftung für Fehler oder Lücken.

Problematisch ist auch, dass sich die Website mit ihren detaillierten Fragen in einem rechtlichen Graubereich bewegt. Grundsätzlich ist die Differenzierung zwischen Rechtsberater und Rechtsratgeber schwierig und die gesetzliche Lage nicht eindeutig. Dies ist für Laien oft schwierig zu unterscheiden.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die versprochene Individualität nicht ganz eingehalten wird und die Verträge zumeist nicht optimal verfasst sind, jedoch keine gravierenden Mängel aufweisen. Für die Lösung sprechen die Geschwindigkeit und die niedrigen Preise, für komplexere Lösungen wird dann zumeist doch der Gang zum Anwalt nötig. Grundsätzlich sollte man sich im Klaren sein, dass die Lösung für Standardverträge durchaus anwendbar ist. Für Spezialfälle sollte man auch hinsichtlich der Haftung auf das fundierte Wissen eines Anwalts zurückgreifen. Weiterhin können auch hohe Kosten entstehen, die im Vornherein nicht abzuschätzen waren. Insbesondere wenn zu dem generierten Vertrag doch noch ein Anwalt hinzugezogen werden muss, und weitere Kosten entstehen.

Ausblick

Um die Qualität der angebotenen Verträge weiter zu verbessern, könnte man eine Art Feedback-Panel generieren, welcher die Möglichkeit bietet etwaige Verbesserungsvorschläge direkt nach der Generierung des Vertrags einbringen zu können. Hier wäre die Lösung mittels eines Word-Dokuments zurzeit Pdf-Format) einfacher, da die Verbesserung gleich durch den Nutzer erfolgen könnte.

Man könnte außerdem Live-Chats mit versierten Anwälten anbieten die einzelne Vertragsbestandteile näher erläutern anbieten. Dies wäre beispielsweise gegen einen Aufpreis möglich. Auch um komplexere Verträge zu erstellen wären solche Live-Chats mit Sicherheit von Vorteil.

Anfang Juni 2016 hat sich in Zürich die Swiss LegalTech Association (SLTA) gegründet. Der Verband hat es sich zum Ziel gesetzt, die Nutzung moderner Informationstechnologie in der juristischen Arbeit (sog. Legal Tech) zu fördern.

Swiss LegalTech Association will Experten vernetzen

Auch wenn die Swiss LegalTech Association soeben erst gegründet wurde, erfährt sie schon breite Unterstützung von einer Vielzahl juristischer Institutionen. Unternehmen, Kanzleien und Individualpersonen wirken von Beginn an bei dem Legal-Tech-Netzwerk mit. Sie versprechen sich davon eine Pionierstellung bei der Implementierung neuer Informationstechnologien in Rechtsberatung und Rechtsanwendung sowie eine internationale Vorreiterrolle der Schweiz bei der Entwicklung und Umsetzung innovativer Ideen in Sachen Legal Tech. In der Tat gibt es bisher nur in wenigen europäischen Ländern Netzwerke oder Organisationen, die sich systematisch mit technischen Neuheiten im Rechtsbereich auseinandersetzen. Insofern erscheint das Projekt der Swiss LegalTech Association ausgesprochen zukunftsweisend.

Beitritt zur Swiss LegalTech Association online möglich

Der Beitritt zur Swiss LegalTech Association ist über einen Online-Antrag auf der Webseite der SLTA möglich. Für Individualpersonen beträgt die jährliche Mitgliedsgebühr 100 CHF, beitretende Unternehmen zahlen einen Jahresbeitrag abhängig von ihrer Grösse. Eine Ermässigung für Studenten und Nachwuchskräfte ist zunächst nicht vorgesehen, könnte aber womöglich auf Anfrage zur Verfügung stehen. Mitglieder der Organisation haben Zugang zur Mitgliederliste und zu Partnerangeboten und erhalten eine besondere Einladung und einen Rabatt für die von der SLTA organisierten Veranstaltungen. Aufgrund der nahe zurückliegenden Gründung sind bisher keine Veranstaltungen angekündigt; mittelfristig ist allerdings mit einem Jahrestreffen und einigen speziellen unterjährigen Workshops zu rechnen.

Die Boston Consulting Group hat in Zusammenarbeit mit der Bucerius Law School einen Legal Tech Report herausgegeben. Welche Fragen werden dort behandelt und welche Antworten sind darin zu finden?

Legal Tech Report prognostiziert rasantes Wachstum

Bei der Anwendung technologischer Innovation sieht der Report die Juristen erheblich im Rückstand. Grund dafür seien unter anderem die Abrechnung nach Stunden („billable hours„) und die Gewinnteilung innerhalb von Anwaltspartnerschaften. Damit sei ein geringer Anreiz verbunden, effizienter zu arbeiten. Hinzu komme eine gewisse Skepsis gegenüber den Risiken neuer, womöglich noch unausgereifter Technologien. Diese Skepsis könnten sich Anwaltssozietäten allerdings mittel- und langfristig nicht mehr leisten, wenn sie nicht vom Markt abgehängt werden wollten. Es sei durchaus denkbar, dass juristische Berufe zukünftig durch technologische Assistenten nicht nur unterstützt, sondern sogar teilweise ersetzt würden. Auch künstliche juristische Intelligenz könnte dabei eine Rolle spielen.

Legal Tech als besondere Herausforderung für kleine Kanzleien

Während große Anwaltssozietäten am ehesten über Kapazitäten und Mittel verfügen, um noch rechtzeitig auf den Legal-Tech-Zug aufzuspringen, sieht der Report für kleine Kanzleien eine mitunter existenzielle Gefahr. Die neuen technologischen Möglichkeiten bei der Rechtsanwendung konzentrierten sich zuerst auf einfache und standardisierbare Tätigkeiten. Diese Art von juristischer Arbeit werde regelmäßig von kleinen Kanzleien übernommen. Entsprechend groß sei für diese die Herausforderung, sich weiterhin am Markt zu behaupten. Dies sei freilich kein Ding der Unmöglichkeit: Kleine Anbieter von Rechtsdienstleistungen würden zukünftig insbesondere dort erfolgreich sein, wo es ihnen gelinge, eine Nische zu besetzen und in dieser Nische kostenbewusst zu arbeiten.

Legal Tech Report nimmt auch die Juristenausbildung in den Blick

Angesichts der Projektbeteiligung der Bucerius Law School erstaunt es nicht, dass der Legal Tech Report auch auf die Juristenausbildung eingeht. Dem Legal Tech Report zufolge brauchen Nachwuchsjuristen heute die Kenntnisse und Fähigkeiten, um mit juristischer Technologie umzugehen und sie zu verstehen. Kritisches Denken und Kenntnisse im materiellen Recht seien sicherlich nach wie vor unverzichtbar für angehende Juristen. Aber auch wirtschaftliches Denken, Kenntnisse im Projektmanagement und technisches Verständnis seien zunehmend von Bedeutung. Womöglich ließen sich diese Fertigkeiten auch im Kleingruppenunterricht vermitteln (sog. law clinics). Darüber hinaus sei allerdings auch unabdingbar, dass Kanzleien und Unternehmen ihre Juristen zu Fortbildungen entsenden.

Der Anwaltstag 2017 vom 24. bis zum 26. Mai 2017 steht unter dem Motto „Innovation und Legal Tech“. Dieses Thema haben die Verantwortlichen des Deutschen Anwaltvereins zum Ende des Anwaltstags 2016 in Berlin bekannt gegeben.

Anwaltstag 2017: Interessante Vorträge und spannende Diskussionen

Der Anwaltstag 2017 gastiert in Essen, der europäischen Kulturhauptstadt des Jahres 2010. Traditionell setzt sich das Programm des Anwaltstags aus einer Vielzahl von Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Kleingruppenworkshops zusammen, die die Teilnehmer frei miteinander kombinieren können. Dabei gibt der Deutsche Anwaltverein als Veranstalter jeweils ein Generalthema vor, das den Impuls für die inhaltliche Richtung der jeweiligen Einzelveranstaltungen gibt. Nachdem sich die vergangenen Konferenzen mit dem Wandel der Streitkultur (2015) und der Rolle des Strafrechts als ultima ratio (2016) beschäftigt haben, setzt der Anwaltstag 2017 nunmehr auf einen klaren Blick in die Zukunft: Das Motto „Innovation und Legal Tech“ verspricht eine Auseinandersetzung mit der Rechtsberatung von morgen, wie sie der Anwaltverein bereits mit seinem Forschungsprojekt zum Rechtsdienstleistungsmarkt 2030 exemplarisch in den Blick genommen hat. Was aber ist unter dem Schlagwort „Innovation und Legal Tech“ inhaltlich konkret zu verstehen?

Innovation und Legal Tech: Informationstechnologie revolutioniert die anwaltliche Arbeit

Der englische Begriff legal tech bezeichnet neue Möglichkeiten der Informationstechnologie im Bereich der juristischen Berufe. Legal Tech gibt es in ganz verschiedenen Gestalten: Da geht es nicht nur um Unterstützung bei der Rechtsrecherche oder ein verbessertes Kanzleimanagement, sondern auch um Vertragsgeneratoren und intelligente Verträge, um die juristische Nutzung von Big Data und um Möglichkeiten automatischer Subsumtion. Künstliche juristische Intelligenz spielt ebenso eine Rolle wie Fragen des Datenschutzes und Möglichkeiten der Vernetzung und dezentralen Speicherung von Informationen von öffentlichem Interesse. Manche der Themen beim Anwaltstag 2017 erscheinen heute noch als ferne Zukunftsvision, generell lässt sich aber sagen, dass an der Speerspitze von Forschung und Entwicklung heute bereits viele Dinge technisch realisierbar sind und realisiert werden, die in der Breite der juristischen Praxis noch nicht wahrgenommen werden. Der Anwaltstag 2017 erscheint insofern als eine gute Möglichkeit für interessierte Anwälte, sich aus erster Hand über das Potenzial von Innovation und Legal Tech zu informieren.

Anmeldung zum Anwaltstag 2017

Eine Möglichkeit zur Anmeldung für den Anwaltstag 2017 findet sich voraussichtlich ab dem Spätherbst 2016 auf den Webseiten des Deutschen Anwaltvereins. Anmelden können sich nicht nur Rechtsanwälte, sondern jegliche Interessenten aus allen juristischen oder rechtsnahen Berufen, insbesondere juristische Gründer, Kanzleiangestellte, Mitarbeiter aus Rechtsabteilungen, Unternehmer, Wissenschaftler und Richter. Mitglieder des Deutschen Anwaltvereins erhalten einen Rabatt auf den Teilnehmerbeitrag. Das ausführliche Programm für den Anwaltstag 2017 mit Detailinformationen zu allen Veranstaltungsblöcken wird ebenfalls ab Ende 2016 im Internet verfügbar sein.

Die Digitalisierung der Rechtsanwendung schreitet unaufhaltsam voran. Ein Beispiel aus dem Bereich Compliance: Eine App, die mit Hilfe einer patentierten Technologie den von Windrädern erzeugten Schatten misst. Bei Überschreitungen kann via App automatisch eine Kanzlei eingeschaltet werden, welche eine schnelle, unkomplizierte Abwicklung rechtlicher Schritte realisiert.

Sonnenkiller Windrad

Immer mehr Menschen wünschen sich grünen Strom. Diese Nachfrage führt zu einem vermehrten Einsatz grüner Technologien, so zum Beispiel bei Windrädern, die in lohnenden Regionen Deutschlands aufgestellt werden. Da solche Windkraftanlagen nicht nur Offshore – also ohne jegliche Beeinträchtigung von Anwohnern – installiert sind, werden immer wieder Beschwerden über etwaige Beeinträchtigungen der betroffenen Haushalte laut. Die rotierenden Windräder führen zu einem monotonen Wechsel zwischen Schatten und Sonne und können dadurch Konzentration und körperliches Wohlbefinden der Nachbarn erheblich beeinflussen. Sich dagegen zu wehren, ist aber alles andere als einfach: Denn eine solche Störung der Sonnenbestrahlung eines Hauses ist nur schwer zu dokumentieren. Deswegen gestalten sich Klagen gegen den Betreiber meist langwierig und sind mit hohen Kosten für einen Gutachter verbunden.

Schattenmessen mit dem Smartphone

Um teuren Gutachtern vorzubeugen und eine schnellere Abwicklung der Schadensersatzklage zu erreichen, wurde eine Technologie entwickelt, welche die Messung des entstandenen Schattens mit Hilfe eines Smartphones zulässt. Mit diesem Schattenmesser kann man schnell und kostengünstig eine Analyse der vorliegenden Situation erstellen.

Diese patentierte Technologie lässt sich nun auf einem Smartphone mit Hilfe einer App ausführen. Das Smartphone benötigt hierfür nur eine Kamera, einen Lichtsensor und ein Chronometer. Diese Funktionen sind in modernen Smartphones standardmäßig verbaut. Die App berechnet dann über einen präzisen Algorithmus die Beeinträchtigung durch den erzeugten Schatten. Dies wird über die Frequenz realisiert. Nach der Berechnung wird der Wert sofort mit einer Datenbank abgeglichen, die die maximale Menge an Schatten für das bestimmte Wohngebiet enthält.

Schnelle Kompensation bei Überschreitungen

Überschreitet die Windkraftanlage einen gewissen, vorher bestimmten Grenzwert, so bietet die App die Möglichkeit, die gesammelten Daten direkt an eine Verbraucherschutzorganisation oder an eine spezialisierte Kanzlei weiterzuleiten. Diese prüft die Daten noch einmal und errechnet eine ungefähre Kompensationssumme. Diese Summe besteht aus dem wahrscheinlich erreichbaren Schadensersatzbetrag aus der Klage abzüglich einer Gebühr für die Übernahme der Klage. Der Vorteil für den Nutzer liegt in der meist schnellen Abwicklung der Forderungen und damit verbunden einer schnelleren Schadensersatzzahlung. Zudem werden die Kosten kalkulierbarer, da weder Anwaltskosten noch Gerichtskosten anfallen. Diese übernimmt die Kanzlei für den Kunden.

Schattenmesser als Geschäftsmodell im Bereich Legal Tech

Das Geschäftsmodell basiert auf einem patentierten Algorithmus, welcher in eine Smartphone-App integriert werden könnte. Der Algorithmus kann mithilfe des Smartphones die Beeinträchtigung durch den Schatten von Windrädern berechnen und mit vorgeschriebenen Werten aus einer Datenbank abgleichen. Im nächsten Schritt sollte nun eine Kanzlei diese Idee aufgreifen und sich an diesen Algorithmus bzw. an diese App „anbinden“: Bei Überschreitungen der zulässigen Richtwerte bietet die App dem Kunden die Möglichkeit an, mithilfe der „angebundenen“ Kanzlei kostengünstig und schnell rechtliche Schritte anzustrengen. Die Kanzlei übernimmt den kompletten rechtlichen Ablauf vollautomatisch und zahlt eine Entschädigungssumme, die sich aus der erreichten Schadensersatzzahlung abzüglich einer Gebühr zusammensetzt.

Vorbild für andere Legal-Tech-Apps?

Das dargestellte Geschäftsmodell existiert in dieser Weise noch nicht, aber könnte sich gerade für eine Kanzlei als tragfähiges Business Model erweisen. Die Verbindung von IT und systematische Bearbeitung von Rechtsfragen durch eine Kanzlei, also die Digitalisierung von rechtsanwaltlichen Dienstleistungen, bietet ein spannendes Umfeld auch für weitere Ideen: zum Beispiel könnte mit einer App ein Verkehrsunfall dokumentiert werden und diese „Akte“ direkt einer Kanzlei oder der Versicherung übergeben werden. Mit Spannung bleibt zu erwarten, welche Geschäftsmodelle findige Unternehmer in diesem Bereich in den nächsten Monaten und Jahren auf die Beine stellen werden.

An der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster findet vom 23. bis 25. Juni 2016 ein Legal-Tech-Seminar statt. Die Teilnehmer erörtern, wie sich juristische Arbeit technologisch unterstützen lässt. Die Veranstaltung steht allen Studenten der Rechtswissenschaften als propädeutisches Seminar offen. Studenten des Schwerpunktbereichs 9 (Rechtswissenschaft in Europa) können die Veranstaltung als Schwerpunktseminar besuchen. Das Seminar richtet sich weiterhin auch an Masterstudenten im Rahmen des Masterstudiums „Deutsches Recht“. Studenten auswärtiger Universitäten können sich ebenfalls für das Seminar anmelden, soweit die Plätze nicht durch WWU-Studenten belegt sind.

Weitere Informationen zu möglichen Seminarthemen wie auch zur Anmeldung für das Seminar finden sich hier. Andere Events aus dem Bereich Lega-Tech findet ihr hier.