Legal Tech Hackathon

Legal Tech Hackathons haben inzwischen einen festen Platz im Kalender vieler JuristInnen und EntwicklerInnen der Legal Tech-Szene. Zuletzt erreichte das Konzept „Hackathon“ Bekanntschaft durch die Online-Veranstaltung „wirvsvirus“ im Frühjar 2020, bei der Menschen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen online zusammenkamen um gemeinsam Lösungen für coronaverwandte Probleme zu entwickeln. Diese Veranstaltungen, die nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt stattfinden, können aufstrebenden Legal Tech-Unternehmerinnen und Unternehmern die Tür öffnen in die Legal Tech-Welt der bereits lang etablierten Unternehmen und zurzeit überall aus dem Boden schießenden Startups. Dieser Artikel gibt einen Einblick in diese faszinierenden Events.

Was ist ein Hackathon?

Den ersten Hackathon besuchte ich 2016, noch während meines Studiums und mitten in der Examensvorbereitung. Das war kein Legal Tech-Hackathon, wie es sie heute vermehrt gibt, sondern ein reiner „Tech-Hackathon“, veranstaltet von einem großen Radiosender, um Innovationen zu fördern und Kontakt zur „jüngeren Generation“ herzustellen. Was ist ein Hackathon? Ein Hackathon ist eine Veranstaltung, während der zu Beginn meist von den Teilnehmern oder den Veranstaltern Ideen vorgestellt werden, zu denen sich dann interessenorientiert Teams bilden. Die Teams haben dann je nach Veranstaltung etwa 24-36 Stunden Zeit, ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Nach Ablauf der Zeit erfolgt eine Präsentation der Ergebnisse vor einer Fachjury, im Anschluss daran in der Regel eine Preisverleihung. Als Juristin (die zwar gewiss einen technischen Hintergrund hat, aber sich selbst nicht als Hackerin bezeichnen würde) war das für mich damals ein großer Schritt. Allein bis ich mich zur Bewerbung durchgerungen hatte vergingen Tage, während ich darüber sinniert habe ob meine IT-Kenntnisse für so ein Event ausreichen, ob ich da als Einzelkämpferin – und natürlich als Frau* – ohne Kommilitonen oder Freunde hinfahren möchte, ob Juristen da überhaupt hindürfen, und so weiter und so fort.

* Ich bin die Letzte, die die Eignung für oder gegen so ein Event am Geschlecht festmachen würde. Leider ist es aber immer noch so, dass wir Frauen bei solchen Events dramatisch unterrepräsentiert sind.

Als ich nach einigen Wochen meine abgeschickte Bewerbung schon fast vergessen hatte, bekam ich die Zusage. Kurz darauf stellte sich heraus, dass alle – wirklich alle – Sorgen unbegründet waren. Wenn auch die Männer in der Überzahl waren, fand ich mich später in einem geschlechtermäßig ausgeglichenen Team wieder, und es waren durchaus auch Menschen ohne jegliche Programmierfähigkeiten angereist. „Gehackt“ wurde in einem Fernsehstudio, abends gabs einen Flammkuchenbäckerstand, und die Zeit ging viel zu schnell vorbei.

Take something away…

Meine Key-Take-Aways aus 2016 waren:

  • Alleine anreisen kann seine Vorteile haben (es fällt unter Umständen leichter, Kontakte zu knüpfen).
  • Jede/r hat irgendwelche Fähigkeiten, mit denen sie/er sich in einem Team einbringen kann. Es ist nicht zu unterschätzen, dass die Lösung nicht nur programmiert, sondern auch konzipiert, gebrainstormt, das Design gestaltet, ein Business Plan ausgearbeitet, der Wettbewerb analysiert und insbesondere das Konzept vor der Jury auch präsentiert werden muss.
  • Durch die knappe Zeit, die die Teams haben, um ihre Idee umzusetzen, entsteht eine unglaublich spannende Gruppendynamik.
  • Es besteht die Möglichkeit, neben den interessanten Kontakten zu anderen Teammitgliedern und anderen Teams auch die einmalige Chance zu ergreifen, sich mit den Jury-Mitgliedern zu unterhalten, die oftmals Rang und Namen in der Branche haben und sonst selten „greifbar“ sind.
  • Es macht enorm viel Spaß, einfach mal aus dem Alltag auszubrechen und sich 24 – 36 Stunden mit etwas ganz Anderem zu beschäftigen.

Ich gebe zu: das Konzept „Legal Tech“ war mir in 2016 erstmals begegnet, und ich hatte nicht geahnt, dass es auch – und gerade? – in diesem Bereich zahlreiche Veranstaltungen zu entdecken gibt. Zudem kannte ich an meiner Uni niemanden, der sich wie ich mit den Schnittstellen zwischen Recht und Technik beschäftigt.

Bis auf die Tatsache, dass ich (als „Legal“) zum Hackathon („Tech“) gefahren bin, hatte das 2016 noch nicht viel mit Legal Tech zu tun. Die Lösungen, die wir entwickelt haben, drehten sich unter anderem um Personalfindung, Medien, und Pressekontakte, aber nicht um Innovationen im Rechtssektor. Dennoch war das für mich eine wichtige Erfahrung, denn wer weiß, ob ich mich andernfalls drei Jahre später auf meinen ersten Legal Tech-Hackathon gewagt hätte.

Weiter ging’s 2019…

2019 machte ich mich also auf zum „hacking.law“, einem großen Legal-Tech-Hackathon in Berlin. Auch hier bin ich alleine – ohne Team, ohne Idee, ohne spezifisches Hintergrundwissen – angereist. Das Besondere: schon bei der Bewerbung konnte man sich einer Teilnehmergruppe zuordnen (BenutzerschnittstellendesignerIn, JuristIn, EntwicklerIn, „Legal Engineer“ – als „Mensch aus beiden Welten“ bzw. JuristIn mit technischem Hintergrund etc.) und während der Veranstaltung mittels farblichen Erkennungszeichens kenntlich machen. Nach einer „Idea Hacking Session“, in der zu verschiedenen Oberthemen an unterschiedlichen Stationen kurze Einführungen gegeben wurden, hatten die TeilnehmerInnen die Möglichkeit, Projektideen vorzustellen, und sich anschließend zu Teams zusammenzufinden. Dann folgte das, worauf alle gewartet haben: 24 intensive, spannende und kreative Stunden später hatten wir es geschafft, aus unserer initialen Idee einen funktionsfähigen, präsentierbaren Prototypen auf die Beine zu stellen.

Typisch für Hackathons: Eine inspirierende, produktivitätsfordernde Atmosphäre. Für Verpflegung ist bestens gesorgt, und in Berlin gab’s sogar eine Massagestation für alle, denen die Verspannung im Nacken saß. Zwischendurch war immer wieder Gelegenheit, mit anderen TeilnehmerInnen ins Gespräch zu kommen und dadurch die Legal Tech-Community kennenzulernen.

Am nächsten Tag um 16:00 – nachdem die Expertenjury ihren Rundgang gemacht und erste Eindrücke gesammelt hatte – war dann die Hacking-Phase beendet. Auch hier folgten die Pitches (Präsentation der Ergebnisse) und die Siegerehrung, abgeschlossen und abgerundet wurde das Event durch eine Party mit DJ, die weitere Gelegenheit zum Austausch bot und den Teams eine willkommene Gelegenheit gab, ihre Leistungen zu feiern.

Hackathon goes IP…

Im November 2019 habe ich noch ein anderes Format kennengerlernt: Diesmal war ein Hackathon explizit als Intellectual Property Hackathon ausgeschrieben. Die BewerberInnen wurden im Voraus Teams zugeteilt, und jedes Team hat sich vor der Veranstaltung eine vom Veranstalter – bzw. von teilnehmenden Firmen – vorgeschlagene Aufgabenstellung ausgesucht. Dadurch fiel die Teamfindungs- und Ideenvorstellungsphase weg, und wir konnten direkt in die Arbeit einsteigen. Das Besondere hieran: die Aufgabenstellungen kamen allesamt aus der Praxis. Jedem Team war ein Firmenvertreter zugeteilt, der bzw. die weitere Informationen zu den zu lösenden Problemen geben konnte. Dadurch entstanden Lösungen, die ein großes Potenzial haben, in der Praxis auch tatsächlich Fuß zu fassen – nicht nur durch die Herkunft der Aufgabenstellung aus einem realen Problem, sondern auch durch die enge Zusammenarbeit mit den Firmenvertretern.

Fazit: Die Legal Tech-Community ist viel größer als gedacht! Und auf einmal fühlt man sich als Teil davon. Es gibt zahlreiche JuristInnen, die mit Leidenschaft an die Themen Technik und Digitalisierung herangehen, und es gibt viele ITlerInnen, die auch vor der Rechtswissenschaft keine Scheu haben. Die Symbioseeffekte waren eindrucksvoll in den Pitches am Ende der Veranstaltung zu spüren. Und das ist es auch, was Hackathons in meinen Augen so wichtig und besonders macht: sie bringen Menschen zusammen, die sonst oft in völlig verschiedenen (Berufs-)Welten leben und ermöglichen einen Austausch, wie er sonst nur schwer möglich ist. Dadurch können Ideen gedeihen.

Hackathon und ich? Traut Euch!

Ein Hackathon kann die Initialzündung für Start-Ups sein – man hat schon einmal intensiv zusammengearbeitet, hat eine gemeinsame Idee und gemeinsame Ziele. Häufig helfen die ausgeschriebenen Gewinne sowohl monetär als auch ideell den Teams gezielt weiter, ihre Ideen zu entwickeln und die richtigen Kontakte zu Investoren herzustellen. Auch internationale Kontakte sind möglich: so durften wir als Gewinnerteam einer der Veranstaltungen in die Auswahlrunde für den Global Legal Hackathon einziehen, und unsere Idee letztendlich im großen Finale mitten in Manhattan in New York präsentieren. Dabei sind wir auf Teams aus aller Welt getroffen, konnten unsere Idee in einem Podcast vorstellen und unser Netzwerk ausbauen.

Ich kann also nur appellieren: Wagt euch an die Hackathons ran, auch wenn ihr euch nicht sicher seid oder Zweifel daran habt, „ob das etwas für euch ist“. Die gewonnenen Erfahrungen sind unbezahlbar.